In einem Gespräch mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung stellte Wirtschaftsministerin Katherina Reiche klar: „Wir müssen mehr und länger arbeiten … Es kann jedenfalls auf Dauer nicht gut gehen, dass wir nur zwei Drittel unseres Erwachsenenlebens arbeiten und ein Drittel in Rente verbringen.“ Wenige Tage später verteidigte sie den Plan vor Beschäftigten im Chemiepark Leuna: „Es ist unbestritten, dass wir länger arbeiten müssen.“
Ökonomischer Rückenwind
Deutschlands bekanntester Rentenökonom Prof. Bernd Raffelhüschen sagte der Bild „Der Vorstoß der Ministerin ist überfällig und generationengerecht.“ und rechnet vor:
- 1960/70er: 4,5 Arbeitsjahre finanzierten ein Rentenjahr (10 bis 11 Jahre Rentenbezug).
- Heute: Nur noch zwei Arbeitsjahre je Rentenjahr (über 20 Jahre Rentenbezug).
Damit sinke das Verhältnis von Arbeit zu Rentenbezug von 4,5:1 auf 2:1 – „eine gewaltige Rentenerhöhung, über die keiner spricht“.
Rentenkürzung durch die Hintertür
Der Deutsche Gewerkschaftsbund reagiert scharf. DGB Vorstandsmitglied Anja Piel erklärte in einer Pressemitteilung: „Ein höheres Rentenalter wäre nichts anderes als eine Rentenkürzung durch die Hintertür – ein Schlag ins Gesicht derjenigen, die das Land jahrzehntelang am Laufen gehalten haben.“
SPD und Koalition auf Distanz
SPD‑Generalsekretär Tim Klüssendorf nannte die Idee im ntv Frühstart „eine Rentenkürzung, die mit uns nicht zu machen ist“. Auch Finanzminister Lars Klingbeil sagte in einem Stream, man solle erst „mit Dachdeckern und Pflegekräften sprechen, bevor man so etwas fordert“.
Wo Deutschland steht
Die Regelaltersgrenze steigt bereits bis 2031 auf 67 Jahre. Wer 1964 oder später geboren ist, erreicht die erste „echte“ Rente mit 67. Dennoch droht der Rentenversicherung laut Studie des IW Köln 2035 eine Finanzlücke von 34 Mrd. € – der Renten-Beitragssatz müsste ohne Gegenmaßnahmen auf über 22 % steigen.
Demografie in Zahlen
Der Altenquotient – Senioren ab 65 pro 100 Erwerbsfähige – lag 2022 bereits bei 37 %. Prognosen des Statistischen Bundesamts sehen ihn bis Mitte der 2030er auf über 40 % ansteigen.
Blick ins Ausland
Deutschland wäre kein Einzelfall: Dänemark, Italien, die Niederlande und Island haben gesetzlich verankert, dass das Rentenalter bis spätestens 2040 auf 70 Jahre steigt – in Dänemark ist die Kopplung des Renteneintrittsalter an die Lebenserwartung längst Gesetz.
Wie es weitergeht
Katherina Reiches Vorstoß teilt Politik und Verbände klar in zwei Lager: Experten wie Raffelhüschen sehen die Rente mit 70 als nüchterne Antwort auf Demografie und Kosten, Gewerkschaften und Teile der Koalition sprechen von versteckten Kürzungen. Das Ministerium will bis Herbst Eckpunkte vorlegen – dann zeigt sich, ob aus dem Sommerblitz ein Gesetz oder nur ein kurzer Aufreger wird.
